Die Methode

Die Räume

Die Gedankenwohnung hat fünfzehn Räume. Hier befindet man sich auf einer Führung. Sie können die Schuhe anlassen.

Handgezeichnetes Schema der Gedankenwohnung: chaotischer Gedankenknäuel links, geordnetes Raumsystem rechts
Vor der Exzentration: Gedanken überfluten den Kopf. Nach der Exzentration: Jeder Gedanke hat seinen Raum.

Aufmerksamkeitszentrum

Das ist das Hauptzimmer — der Raum, in dem das stattfindet, womit man sich gerade wirklich beschäftigt. Ein Gedanke. Nicht zwei. Nicht fünf. Genau einer.

In der Kognitionswissenschaft entspricht das dem, was Forscher Arbeitsgedächtnis nennen: der mentale Arbeitsraum für die aktuelle Aufgabe. Das Arbeitsgedächtnis hat eine begrenzte Kapazität. Exzentration arbeitet genau damit.

Wie das Aufmerksamkeitszentrum frei wird

Warteraum

Hier landen die Gedanken, die dran sind — aber nicht jetzt. Der Urlaubstermin, der noch nicht gebucht ist. Das Gespräch, das noch aussteht. Die Idee, die gut ist, aber im falschen Moment kommt.

Man sagt: „Ich sehe dich. Du bist wichtig. Du kommst in den Warteraum. Ich komme später." Und dann: wirklich hingehen.

Das ist exekutive Funktion in räumlicher Form — die Fähigkeit, zu priorisieren und aufzuschieben, ohne zu vergessen. Für Menschen, deren exekutive Funktion unzuverlässig ist, schafft der Warteraum eine äußere Struktur für einen inneren Prozess.

Was tun gegen Grübeln?

Werkraum

Hierher kommen die Gedanken, die noch nicht fertig gedacht sind. Das Projekt, das noch keine Form hat. Das Buch, an dem man noch nicht sitzt. Die Lösung, die sich noch nicht zeigt.

Das Besondere am Werkraum: Man arbeitet dort nicht bewusst. Man lagert die Gedanken ein und lässt sie weiterentwickeln. Die treue Begleiterin im Werkraum ist die Intuition. Man bringt ihr die unvollendeten Gedanken — und sie nimmt sich ihrer an, wie eine Krippe sich der Kinder annimmt.

Rumpelkammer

Für die Gedanken, die man früher loswerden wollte und nie konnte. Die Mücken, die Tag und Nacht im Aufmerksamkeitszentrum kreisten. Die absurden, erschreckenden, peinlichen Gedanken, die aus dem Nichts auftauchten.

Früher hätte ich diesen Raum vor Ihnen verborgen. Heute zeige ich ihn.

Seit ich die Gedanken in die Rumpelkammer eingeladen habe, sind sie ruhiger geworden. Ich habe ihnen gesagt, sie können bleiben, so lange sie wollen. Manche haben die Nase gerümpft. Einer hat mir provokativ seinen nackten Hintern entgegengestreckt. Ich habe es dabei gelassen. Heute klingt es manchmal so, als würden sie sich gegenseitig nachjagen. Aber das kann auch Täuschung sein.

Das funktioniert, weil es das Unterdrückungsparadoxon umgeht: Ein Gedanke, der einen Raum hat, muss nicht mehr ums Aufmerksamkeitszentrum kämpfen.

Zwanghaftes Grübeln und die Rumpelkammer

Wertstoffraum

Gedanken vergangener Ereignisse sammeln sich hier. Nicht nur die schönen. Auch die überwundenen Niederlagen, die Fehler, die Dinge, aus denen man gelernt hat — und noch lernt.

Früher wollte ich nur das Gute behalten. Die Wohnung hat mich gelehrt: Der Wertstoffraum ist nicht Abfall. Er ist Rohstoff. Alles Vergangene findet hier einen Platz und bildet zusammen eine Art Lebensbuch.

Galerie

Manche Bilder bleiben, obwohl sie gar keine Fotos sind. Ein Gesicht. Ein Moment. Eine Landschaft, durch die man einmal gegangen ist. Die Galerie bewahrt die visuelle Autobiografie des inneren Lebens.

Meine Galerie reicht von Alaska bis Afrika. Ich habe noch nie angefangen, sie zu zählen. Es reicht zu wissen, dass sie da sind.

Balkon

Von jedem Zimmer aus gibt es direkten Zugang zum Balkon. Hier sieht man die ganze Wohnung — welche Zimmer überfüllt sind, welche Gedanken Ärger machen, wo die Staus sind — ohne in einem Raum zu stecken.

Auf dem Balkon ist man nicht in einem der Räume. Man ist darüber. Das nennen Psychologen Metakognition: das eigene Denken von außen beobachten. Der Balkon macht das räumlich und navigierbar.

Der Balkon hat vier Vorteile: Er zeigt die Entfernung zu den eigenen Zielen. Zu heiße Gedanken kühlen draußen von selbst ab. Man kann die eigenen Gedanken von außen betrachten. Und wenn das Aufmerksamkeitszentrum wieder überfüllt ist, geht man einfach kurz auf den Balkon.

Bad

Hier pflegt man die Gedanken, die zu kurz gekommen sind. Manche legt man in die Wanne, damit sie sich entspannen. Manchmal schneidet man ihnen Haare oder Bart, wenn sie sich einen zugelegt haben.

Das Bad ist ein heilender Ort. Nicht für Leistung. Für Aufmerksamkeit.

Provokationsraum

Für Sicherheit gibt es den Provokationsraum. Hier lagert Material, das gefährlich wäre, wenn es einfach herumläge: die Argumente, die man glänzend scharf formulieren könnte, die Impulse, die Schaden anrichten würden.

Manche dieser Gedanken lösen sich hier von selbst auf — fast wie ein Kompost. Für die, die noch zu heiß sind, gibt es vorher den Balkon.

Museum

Das Museum bewahrt die Ereignisse, die längst vorbei sind und dennoch Teil der eigenen Wirklichkeit bleiben. Löschen ist nicht möglich. Integration ist der Weg.

Wenn Gedanken erst einmal an einem Ehrenplatz im inneren Geschichtsraum sind, lassen sie einen normalerweise in Ruhe. Vergangenes ist vergangen — und so ist es gut.

Überraschungsraum

Ein Spiegelkabinett. Wenn ein aufgeblasener Gedanke hineintritt und sich von allen Seiten sieht, platzt er manchmal einfach. Ich habe manchmal den Eindruck, ich könnte das Platzen hören.

Festsaal

Es gibt nicht immer Zeit für große Feste. Aber für kleines Feiern schon: den Satz, der endlich fertig wurde. Das gelungene Gespräch. Das Glück mit dem Leben, das einem geliehen ist.

Statt Champagner gibt es im Festsaal eine große Portion Dankbarkeit für jeden anwesenden Gedanken. Manchmal ist die Feier so ausgelassen, dass man kaum noch andere Gedanken wahrnimmt. Vielleicht täusche ich mich auch hier.

Sicherungskasten

Direkt beim Eingang. Wenn es zu viel wird, fliegt die Sicherung raus — automatisch, sobald es für einen zu viel ist. Erst nach einer Pause kann man sie wieder einschalten.

Das ist der eingebaute Burnout-Schutz. Andere Sicherungen heißen: Rückenschmerzen, Schwindel, Kopfschmerzen, Magenkrämpfe, Brustdruck. Die meisten davon stammen aus Zeiten, in denen die Wohnung noch nicht stand.

Flur

Der Verbindungsweg. Das Gedanken-Hochgeschwindigkeitskorridor-Material, aus dem der Flur besteht, ermöglicht den Wechsel zwischen allen Zimmern in Bruchteilen eines Gedankens. Manchmal hat man den Eindruck, es geht noch schneller, wenn man träumt. Aber das kann auch Täuschung sein.

Rückzugsraum

Gedanken, mit denen man immer wieder zu kämpfen hat, dürfen sich hier erholen. Manche tun es genau dann, wenn man schläft. Vor dem Einschlafen kann man sie einladen: Geht jetzt in den Rückzugsraum. Ruht euch aus.

Der Exzentrations-Prozess im Detail

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